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Der Botafumeiro

(Die - leider etwas unscharfen - Bilder lassen sich durch Anklicken vergrößern.)

Der Name des großen Weihrauchfasses der Kathedrale von Santiago de Compostela ist galicisch. Er setzt sich aus den Wörtern „botar“ (hier: ausstoßen) und „fume“ (Rauch) zusammen.

Von einem Botafumeiro zu sprechen ist allerdings nicht ganz richtig. Derzeit existieren in Santiago drei solcher Weihrauchfässer (lateinisch Thuribulum): eins aus dem Jahr 1851, das von dem Goldschmied José Losada aus einer versilberten Legierung aus Messing und Bronze gefertigt wurde (Photo 1) und zwei Kopien, die die Madrider Werkstatt von Luis Molina Acedo 1965 und 1971 aus Silber hergestellt hat. Die erste Kopie ziert das Schaufenster eines Ladens in der Calle del Villar in Santiagos Altstadt (Photo 3). Die zweite Kopie wurde der Kathedrale 1971 von der Hermandad de Alféreces Provisionales gespendet und wird im Kapitelssaal aufbewahrt. Sie kam im Jahr 2006 im Dom zum Einsatz, während das Exemplar aus dem 19. Jahrundert in Madrid restauriert wurde.

Der Vorgänger des Botafumeiro aus dem 19. Jahrhundert wurde möglicherweise von Ludwig XI. im 15. Jahrhundert gespendet und trat 1554 seinen Dienst an. Allerdings sollen es auch Franzosen gewesen sein, die ihn später raubten - nämlich Napoleonische Truppen während des spanischen Unabhängigkeitskrieges (1808-1814) im Jahr 1809.

Nicht um einen Botafumeiro handelt es sich dagegen bei der sogenannten "alcachofa" (Artischocke) - auch als "repollo" (Kohl) bezeichnet. Damit ist vielmehr ein etwa 50 cm hohes eiförmiges Gebilde gemeint, dessen metallene Blätter wie bei einem Kohl oder einer Artischocke übereinander liegen. Die "alcachofa" (sprich etwa: alkatschoffa mit Betonung auf dem o) wird als Gewicht an das Seil des Botafumeiro geknüpft, wenn dieser nach der Messe in die Sakristei gebracht wird. Die Blätter des kunstvollen Gegengewichts lassen sich nach außen klappen und erlauben es so, im Innern der "alcachofa" Kerzen anzubringen. Etwa bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts soll es üblich gewesen sein, das derart beleuchtete Kunstwerk während der Karwoche anstelle des Botafumeiro einzusetzen.

Auch wenn der Botafumeiro der Basilika Santiagos nicht das größte Weihrauchfaß der Welt ist - Lohne (Oldenburg) nimmt für sich in Anspruch über ein 3,21 m hohes und 500 kg schweres zu verfügen - reichen seine etwa 1,50-1,60 m Höhe und 54 kg Gewicht für ein spektakuläres Schauspiel, wenn er von der Puerta de Azabachería bis zur Puerta de las Platerías mit ca. 65 km/h durch das Querschiff rauscht. Seine Größe wird neben der feierlich-liturgischen Funktion auch der notwendigen Verbreitung angenehmen Geruches in einer Kathedrale zugeschrieben, in der es bis 1786 für die Pilger in ihrer großen Zahl üblich war, dort auch zu essen und zu schlafen.

Dem Botafumeiro das Fliegen beizubringen, ist Aufgabe der acht professionellen „tiraboleiros“ (eine Gallegisierung des lateinischen thuribularii); derzeit unter der Leitung des „tiraboleiro mayor“, Armando Raposo. Sie ziehen mit Übung und Geschick gemeinsam an dem zuletzt 2007, 2004 und 1999 verschlissenen und heute 66 m messenden Seil, so daß das Faß am tiefsten Punkt seiner Flugbahn fast den Boden berührt.

Das beeindruckende Ereignis, den Botafumeiro in Bewegung zu sehen, gewinnt noch dadurch zusätzlich an Spannung, daß es über die Jahrhunderte bereits viermal zu Unfällen gekommen ist. Es war Katharina von Aragon, die 1499 ihre Reise nach England in Santiago unterbrach und Zeugin wurde, wie das Weihrauchfaß durch die Fenster des Südportals auf die Plaza de las Platerías stürzte. Aus den Jahren 1622, 1925 und 1937 werden weniger spektakuläre Zwischenfälle berichtet. Menschen kamen dabei jeweils nicht zu Schaden.

Jeder Einsatz des Botafumeiro kostet nach Angaben eines Sprechers des Domkapitels 240 Euro und ist daher in Jahren, die keine heiligen Jahre sind, zunächst auf 30 Anlässe beschränkt. Es können jedoch zusätzliche Messen mit Botafumeiro von Gruppen bestellt werden, die die Kosten dafür tragen. Im Jahr 2007 wurde bis Mitte Oktober bereits 80 Mal von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

(Quellen: Auskunft des "tiraboleiro mayor", Armando Raposo / Interview mit dem Eigentümer der Kopie des Botafumeiro von 1965, Herrn Luís Villar Otero / Precedo Lafuente, Jesús, La catedral de Santiago de Compostela, Madrid 2004 / Prieto, Javier, Ciudades con encanto: Santiago de Compostela, Madrid 2004 / www.lavozdegalicia.es / en.wikipedia.org / de.wikipedia.org)

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