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1. Der Transport

Der Evangelist Lukas berichtet uns in der Apostelgeschichte vom Tode des Apostels Jakobus des Älteren, Sohn des Zebedäus und Bruder des Apostels und Evangelisten Johannes. König Herodes Agrippa I. ließ ihn um 43 n. Chr. „mit dem Schwert hinrichten“ (Apg 12,2). Der Legende nach wurde der Leichnam von seinen Jüngern mit einem Schiff bis nach Galicien gebracht, zum Hafen von Iria, dort wo der Fluß Ulla bei Padrón in die Ría de Arosa mündet. Von dort brachten sie den Sarg etwa 12 Meilen landeinwärts bis sie einen Ort für das Begräbnis gefunden hatten. Als sie die Königin Lupa um Erlaubnis für die Bestattung bitten wollten, schickte diese sie zu König Duyo, einem erklärten Feind des Christentums, der sie einsperren ließ. Nach einer wundersamen Flucht wendeten sie sich erneut an die Königin, die wiederum versuchte, sich ihrer zu entledigen. Sie schickte sie zum Berg Illicinus, dem heutigen Pico Sacro, wo sie einige zahme Ochsen finden sollten, um den Karren mit den Gebeinen des Apostels zu ziehen. Stattdessen fanden sie dort wilde Stiere, die sich jedoch auf wunderbare Weise zähmen und vor den Karren spannen ließen. Als die Jünger des Apostels zum Palast der Königin Lupa zurückkehrten, wurde diese von einem solchen Staunen ergriffen, daß sie sich taufen ließ und ihren Palast als Kirche und Begräbnisstätte für den Apostel anbot.

2. Die Entdeckung

Im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts, als Alfons II. el Casto („der Keusche“), König von Asturien war - und möglicherweise noch zu Lebzeiten Karls des Großen (747-814) - erschienen dem Einsiedlermönch Pelayo Engel, die die Entdeckung des Grabes des Apostels Jakobus ankündigten. Einige Tage darauf berichteten Schäfer von einem eigenartigen Leuchten über dem Hügel Libredón, das von einem Stern her rührte. Von diesem Ereignis wurde der Bischof Teodomir von Iria Flavia benachrichtigt, der ein dreitägiges Fasten anordnete. Als das Gestrüpp beseitigt war, das die von dem Stern erleuchtete Stelle verdeckte, fand man dort eine marmorne Truhe mit den Gebeinen, die der Bischof als die des Apostels Jakobus erkannte. Der unverzüglich unterrichtete König begab sich sogleich zum Ort der Ereignisse, wo er eine erste Kirche für Sant Iago errichten ließ. Zusätzlich wurde an der Stelle durch königliche Anordnung eine kleine Gemeinschaft von Augustiner-Möchen angesiedelt, die den Kern des späteren Compostela bilden sollten.

3. Anfänge der Pilgerschaft

Nach dem Bau einer neuen Basilika unter König Alfons III., die im Jahr 899 geweiht wurde, war es im Jahr 950 Bischof Godescalc aus Le Puy, der als erster Pilger eine nachweisbare Reise zum Grab des hl. Jakobus unternahm. Das stetige Wachstum des Pilgerstroms während der ersten Jahrhunderte wurde von dem ebenso stetigen Ausbau der Infrastruktur begleitet, durch den sich nach und nach eine einheitliche Rute etablierte. Es wurden Strecken gekennzeichnet und es wurde empfohlen gefährliche Abschnitte zu meiden. Es wurden Brücken, Herbergen, Hospitäler und Klöster gebaut, ja ganze Ortschaften entlang der Pilgerstrecke errichtet. Estella, Santo Domingo de la Calzada und Puente la Reina sowie unzählige kleine Dörfer mit dem Namenszusatz „del Camino“ sind Zeugen einer durch königliche Privilegien geförderten Ansiedlung. Insbesondere die Mönche der Abtei von Cluny, die sich entlang des Jakobswegs niederließen und die Gründung des Ritterordens von Santiago, verbesserten wesentlich die Versorgung und die Sicherheit der Pilger.

4. Der Codex Calixtinus und das Heilige Compostelanische Jahr

In das 12. Jahrhundert fällt die Entstehung des Jakobsbuches - auch Liber Sancti Jacobi genannt oder nach Papst Calixtus II., der zunächst als Urheber galt, als Codex Calixtinus bezeichnet. Der französische Mönch Aymeric Picaud stellte zwischen 1130 und 1140 dessen fünf Bücher zusammen. Von besonderem Interesse für die Geschichte des Jakobsweges ist das von ihm selbst verfaßte fünfte Buch. In ihm beschreibt er u.a. die Landschaft, die Heiligtümer und Monumente sowie das Wesen und die Gebräuche der Menschen und die zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel auf den verschiedenen Abschnitten des Weges. Seine Einteilung des Camino in 13 Etappen, die jeweils in mehreren Tagen zurückzulegen sind, trug weiter zur Verfestigung der heute als Camino Francés bekannten Rute bei. Ob die Einführung des Año Santo, des Heiligen Compostelanischen Jahres, ebenfalls aus dem 12. nachchristlichen Jahrhundert herrührt muß bezweifelt werden. Zwar stammt die Bulle "Regis Aeterni" von Papst Alexander III. ihrem Wortlaut nach aus dem Jahr 1179, und sie bezieht sich auf Privilegien die von Papst Calixtus II. im Jahr 1122 für einen vollständigen Nachlaß aller Sündenstrafen für Pilger gewährt worden seien, die das Apostelgrab in einem heiligen Jahr (wenn der 25. Juli auf einen Sonntag fällt) besuchten. Doch wird die Echtheit der Bulle u. a. deshalb bestritten, weil sie sich auf ein Ereignis aus dem Jahr 1300 - also aus der Zukunft - bezieht. Aus dem Anstieg der Pilgerzahlen im Rhythmus der heiligen Jahre (6, 5, 6, 11) könnte dagegen auf die Entstehung dieses Brauchs im 15. Jahrhundert geschlossen werden.

5. Rückgang der Pilgerschaft

Es waren eine Reihe von Ereignissen und Entwicklungen, die im 16. und 17. Jahrhundert zu einer Abnahme der Pilgerzahlen führten. Einerseits verschoben das Ende der Reconquista, der Rückeroberung Spaniens von den Mauren, und die Entdeckung Amerikas am Ende des 15. Jahrunderts den Fokus der Aufmerksamkeit und des Interesses. Andererseits hatten auch die Reformation und Martin Luthers ausdrückliche Kritik an Pilgerschaft und Wallfahrten einen Rückgang der Pilgerzahlen zur Folge. Schließlich erschwerten Pestausbrüche und der Dreißigjährige Krieg die Reise zum Apostelgrab im Nordwesten Spaniens wesentlich. So verharrte die Zahl der Pilger bis ins 19. Jahrhundert auf einem wesentlich niedrigeren Niveau als im Mittelalter. Auch die Bulle „Deus Omnipotens“ von Papst Leon XIII. aus dem Jahr 1884 änderte daran nichts. Mit ihr wurde die Echtheit der Gebeine des Apostels bestätigt, die 1589 vor den Raubzügen des englischen Piraten Francis Drake in Sicherheit gebracht und erst nach fast dreihundert Jahren wiedergefunden worden waren.

6. Renaissance des Jakobsweges

Das Jahr 1982 verzeichnete nach Jahrhunderten erstmals wieder einen rasanten Anstieg der Pilgerzahlen von wenigen hundert in den Jahren zuvor auf nahezu zweitausend. Dies war insbesondere zweierlei Umständen zu verdanken. Einerseits pilgerte 1982 mit Johannes Paul II. zum ersten Mal ein Papst zum Apostelgrab in Santiago de Compostela, und andererseits wählte sich der Pontifex für diesen Besuch das erste Heilige Compostelanische Jahr in der jungen spanischen Demokratie. Vier Jahre vor dem Beitritt Spaniens zur Europäischen Gemeinschaft rief der Papst Europa auf, sich seiner Wurzeln zu besinnen. Das Interesse am Jakobsweg wurde in den 1980er Jahren noch durch weitere Maßnahmen gesteigert. So erklärte die UNESCO zunächst 1985 die Altstadt Santiago de Compostelas - seit 1982 Hauptstadt Galiciens - zum Weltkulturerbe, und im Jahr 1993 verlieh sie auch dem Jakobsweg dieses Privileg. Bereits zuvor, 1987, hatte der Europarat dem Jakobsweg den Status einer Europäischen Kulturrute verliehen. Seit diesen Ereignissen haben insbesondere die hohe Auflagen erzielenden Bücher von Shirley Maclaine, Paolo Coelho und Hape Kerkeling die öffentliche Aufmerksamkeit auf den über tausendjährigen Weg zum Grab des Apostels gelenkt. Dies wiederum entfachte eine umfangreiche Berichterstattung in den Medien. All dies trug dazu bei, daß für das kommende Heilige Jahr 2010 in Santiago de Compostela mehrere hunderttausend Pilger und mehrere Millionen Touristen erwartet werden.